Wenn die Umwelt krank macht – In Würzburg hat sich eine neue Selbsthilfegruppe für Menschen mit Duftstoffallergie, Chemikaliensensibilität und anderen Umwelterkrankungen zusammengefunden.

Früher nahmen Bergleute Kanarienvögel als Alarmsystem mit in die Grube. Die Vögel merkten schneller als die Menschen, wenn der Sauerstoff knapp wurde – und fielen von der Stange. Dann wussten die Bergleute: Jetzt müssen sie raus. Manchen Menschen geht es wie den Kanarienvögeln: Sie nehmen Schadstoffe schneller und sensibler wahr als die Allgemeinbevölkerung und erkranken. Vor allem Duftstoffe, Passivrauch und Abgase sowie Chemikalien wie Desinfektionsmittel setzen vielen Betroffenen zu. Sie bekommen
unter anderem Asthma, tränende Augen und Hautausschlag sowie Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme und eine Art Nebel im Kopf. Die so entstehende Krankheit wird oft
Multiple Chemikaliensensibilität (MCS) genannt.

Laut Studien schätzt sich bis zu ein Drittel aller Menschen als duftstoffsensibel ein

Zehn Prozent sagen von sich, MCS-betroffen zu sein. Ob MCS eine Krankheit ist, ist international umstritten. In Deutschland ist sie als solche anerkannt. Eindeutig als Erkrankung anerkannt ist eine Duftstoffallergie. Duftstoffe sind sogar nach Nickel der zweihäufigste Auslöser einer Kontaktallergie. Dennoch verbergen sie sich fast überall: in Wasch- und Reinigungsmitteln, in Cremes, Kosmetika, Kerzen und Zahnpasta. Teils sogar in Spielzeug. MCS und Duftstoffsensibilität sind besonders häufig bei Menschen, die in der Vergangenheit
überdurchschnittlich vielen (schädlichen) Chemikalien ausgesetzt waren. Etwa Beschäftige in Krankenhäusern durch Desinfektionsmittel und Menschen, in deren Häusern giftiges
Holzschutzmittel verwendet wurde. Auch Schimmel in der Wohnung wird häufig als Auslöser von MCS genannt.

Schlimmer noch als die körperlichen Symptome sind für viele Betroffene die emotionalen Folgen: Für etliche ist ein „normales“ Leben nur schwer möglich. Duftstoffe strömen über Nachbarinnen und Kolleginnen auf sie ein. Schon Wäsche, die Nachbarn draußen oder im Keller trocknen, ist bei nicht wenigen ein Problem. Autoabgase schweben in der Luft. Nichtraucherschutz ist häufig entweder nicht vorhanden oder wird nicht eingehalten. Auf dem Land können Pestizide zum
Problem werden.

Eine neue Selbsthilfegruppe in Würzburg möchte nun auf das Thema aufmerksam machen und Betroffene unterstützen.

Themen der Gruppe werden unter anderem sein: Wie entdecke ich versteckte Duftstoffe und finde Produkte ohne Duftstoffe? Wie bekomme ich meine Wohnung sicher? Wo kann ich Urlaub machen? Wie überstehe ich Alltagserledigungen wie Besuche in Drogerien, Arztpraxen oder beim Friseur? Wo finde ich Ausgleich und sichere Lebensräume? Wie vermeide ich soziale Isolation? Wie bitte ich Bekannte, Nachbarinnen und Kolleginnen, rücksichtsvoll zu sein, ohne dass sie sich
eingeschränkt fühlen? Wie gehe ich als Familie mit Kindern mit dem Thema um?

Wer sich angesprochen fühlt und die Selbsthilfegruppe kennenlernen oder mitgestalten möchte,
kann sich an die Organisatorinnen der Gruppe oder das Aktivbüro wenden.

Sobald erste Anmeldungen da sind, werden Termine für Treffen vereinbart. Eine Teilnahme wird auch online
möglich sein, falls aus gesundheitlichen Gründen kein Besuch vor Ort möglich ist. Alle Teilnehmenden werden (selbstverständlich) gebeten, vor dem Besuch der Gruppe keine Duftstoffe zu verwenden (Parfüm, Weichspüler, Haarspray und ähnliches).

Bei Interesse melden Sie sich bitte bei den Organisatorinnen an unter: guteluftohneduft@posteo.de oder an das Aktivbüro der Stadt Würzburg
Telefon: 0931 373706

 

Foto: bunditinay