mamamia testete gemeinsam mit Würzburgs Spitzenkoch Bernhard Reiser. Resultat: Wir waren „gerührt“ und wir waren entsetzt!
Essen & Trinken hält Leib
und Seele zusammen…
Unter diesem Motto starteten wir Anfang des
Jahres gemeinsam mit Würzburgs Starkoch
Bernhard Reiser vom Restaurant Weinstein
einen Essens-Check in ca. 120 Kindergärten,
Krippen und auch Schulen. Nachdem wir im
März Fragebögen zum Thema Mittagessen an
die Einrichtungen geschickt hatten, bekamen
wir bald einen interessanten Überblick.
Bernhard Reiser ist Chef vom Restaurant Weinstein beim Weingut Knoll. Neben seinen Aktivitäten zum Thema Ernährung ist er vielen Würzburgern bekannt durch Veranstaltungen wie „Essen im Dunkeln“ die er gemeinsam mit dem Blinden-Institut
veranstaltete, Kochkurse für Kinder und Erwachsene sowie Aktionen für
krebskranke Kinder oder sein Genusslexikon.
Seine Devise: Gutes Essen hat nichts mit dem Preis zu tun!
Interessant ist seine website www.der-reiser.de. Hier auch DER PROFITIPP aus Reisers Genusslexikon. Jede Woche neu
stellt er ein Rezept mit Beschreibung von Herkunft, Inhaltsstoffen und
medizinischer Anwendung der Produkte vor.
Die Beteiligung
war übrigens erstaunlich gut!
Es stellte sich heraus, dass in einigen Einrichtungen selbst gekocht wird – sie haben entweder
Köchinnen oder Köche, oder die Eltern kochen im Wechsel. Der überwiegende Teil der Einrichtungen wird beliefert.
Mitte Juli gingen Reiser und ich dann „auf Tour“. Wir besuchten einige Selbstversorger
und jeweils 2 Einrichtungen der zahlreichen Lieferanten. Zwei Wochen lang testeten wir täglich
3-4 Einrichtungen. Das Ergebnis: Neben einigen positiven bis sehr positiven Beispielen ALARMIEREND.
Wenn Liebe durch den Magen geht, dann kann man sich nicht mehr wundern, warum die Familiensituation
bei uns immer schwieriger wird. Unterm Strich muss man sagen: Da, wo selbst gekocht wird, ist das Essen durch die
Bank gut bis sehr gut. Die Wertschätzung der Lebensmittel, die mit Bedacht ausgewählt sind,
wird an die Kinder weitergegeben. Der Speiseplan entsteht in Absprache mit den Kindern. Viel Wert wird auf gesunde Produkte gelegt.
Und das Gesund nicht gleich Teuer ist, konnte Bernhard Reiser immer wieder unter Beweis stellen: “Fertigprodukte sind entgegen vieler
Meinungen entschieden teurer als frische“.
Optimal ist auch die Essensorganisation in den kleineren Einrichtungen, in denen die Eltern im Wechsel kochen. Hier spornt man sich gegenseitig an.
Das gelieferte Essen ist mit wenigen Ausnahmen
schlichtweg nicht kindgerecht und
auch qualitativ nicht immer auf dem neuesten
Stand. Wir sahen 1jährige
Knirpse, die gepökelte Würstchen
u.ä. auf dem Teller hatten.
Und wir mussten auch in gelieferte
Salatboxen schauen, in
denen unappetitlich lätschiger
Salat schwamm. Allgemein gelobt
wurde allerdings der Service
und die Zuverlässigkeit der
Zulieferer.
Thema Nr. 1 ist in den Einrichtungen
das Geld. Die Kosten
liegen pro Mittagessen zwischen 1.50 Euro und
2.50 Euro . Vielen Eltern ist diese Summe auf den
Monat verteilt zu hoch. Dazu Reiser ziemlich
entsetzt: „Da kostet ja eine Dose Katzenfutter
fast mehr als ein Mittagessen für Kinder“.
Generell beklagt wurde von den Einrichtungen
der unbedachte Umgang mit der Frühstücksgabe.
Viele Eltern geben ihren Kindern Geld, damit
sie sich was vom Bäcker holen. Selten wird
eine Brotbox mit Brot, Obst + Gemüse mitgebracht.
Ca. 70% der Eltern sind lt. allgemeinen
Aussagen nicht am Thema Essen interessiert
– (oder einfach überfordert?)’
Hier haben die Rita Schwestern ein recht autoritäres
– aber zum Wohle der Kinder – funktionierendes
System: Den Eltern wird schon
beim Eintritt in die Einrichtung klipp und klar
mitgeteilt, was zum Frühstück erwünscht und
was schlichtweg verboten ist. Und das funktioniert!
Positiv aufgefallen und vielleicht auch für die
eine oder andere Einrichtung interessant: Der
Bewegungskindergarten (früher studentischer
KiGa) an der Löwenbrücke. Hier sind 26 Kinder.
2 Eltern kochen jeweils an einem Wochentag.
Es gibt Frühstück, Mittagessen und Kaffee. Sehr
geregelt, gemütlich eingerichtet, schön!
Ähnlich geht es im Familienzentrum + Marienheim
zu. Ca. 15 Kinder werden bekocht. Die Eltern
kochen ebenfalls im Wechsel - bringen das
Essen von zu Hause mit!
Absolut professionell aber
liebevoll läuft es in der Küche
des Elisabethenheims
ab. Hier gibt es einen Koch,
der das Essen in Absprache
altersgemäß kocht. Die
1jährigen bekommen andere
Kost als die Älteren.
In der JenaPlan-Schule wird
man zwar beliefert, spricht
den Plan aber mit dem Koch ab + befragt die
Kinder. Um das Ritual Essen etwas liebevoller
zu gestalten, teilt hier immer eine Mutter das
Essen aus. Geplant ist eine eigene Küche!
Das Vinzentinum wird auch beliefert. Die Kinder
haben aber ein Mitspracherecht. Es gibt
Kochgeschichten für Kinder. Das Thema Ernährung
ist hier wichtig. Herr Gabel, der Leiter
der Einrichtung gab uns denn auch einen netten
Spruch mit auf den Weg:
BONA CULINA – BONA DISCIPLINA (Gutes Essen
– Gute Disziplin)
Der absolute Hammer waren Waldorfschule
und Kindergarten. Hier kocht man selbst. Alles
ehrenamtlich. Schaut man in die Küche, sieht
das alles aus als wäre man in einem Sternerestaurant.
Aber das ist halt Waldorf!
Die Krönung war allerdings ein Kindergarten
im absoluten sozialen Sprengel: St. Elisabeth
in der Zellerau. Hier wird selbst gekocht. 2 Köchinnen
kochen täglich von 9-12 Uhr für bis zu
150 Kinder aus 18 Nationalitäten. Das Essen sah
gut aus, die Kinder waren ausgesprochen fröhlich,
die Integration vorbildlich. Was Reiser und
mich faszinierte: Die Küche ist uralt. Gekocht
wird auf einem antiquierten weiß emaillierten
Herd mit völlig verrosteten Backöfen. Die Platten,
auf denen gekocht wird, sind noch die alten
Steinplatten. Auch die Rührmaschine ist ein
Unikum. Doch was soll’s. Das Essen schmeckt!
Auf die Frage: „Herr Reiser, kochen Sie mal für
uns?“ kam von ihm ein klares JA.
Soviel zu unserem Ausflug in die Würzburger
Kinder-Fressmeile. Wie und ob man die Situation
der Einrichtungen, die beliefert werden,
verbessern kann, werden wir in Gesprächen
mit unserer Oberbürgermeisterin, dem Sozialreferenten
R. Scheller und den Trägern der Einrichtungen
diskutieren.
Wer noch Infos möchte,
soll anrufen in der Redaktion Tel. 0931/15729
Barbara Pohl-Hildemann
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